Warten auf Zanahary | Madagaskar 1995/96

Kunst auf Reisen, Übersee

„ … Und Zanahary zeichnete auf den Boden einige menschliche Figuren.
Dann warf er 
vom Himmel aus einige Pfeile darauf,
und 
die getroffenen Figuren wurden lebendig.
Dies war der Anfang aller lebenden Wesen auf Madagaskar.“

 

Kunstquallen – Schwimmkörper – Unterwasserinstallationen –
Ein Kunstprojekt von Ulrich Puritz & Christine Schmerse, Madagaskar 1995/96

Warten auf Zanahary

Kunstquallen – Schwimmkörper – Unterwasserinstallationen

Im Sommer 1995 bereisten wir zunächst den nördlichen Teil Madagaskars und richteten uns dann auf der Insel Nosy Bé ein, um das Projekt „Warten auf Zanahary“ in Arbeit zu nehmen. Nach ausgedehnten lokalen und regionalen Recherchen und nach umfänglichen Auseinandersetzungen mit alltagskulturellen Besonderheiten und mit madegassischen Mythen entstanden – gewissermaßen als freie, poetische Transformation unserer durch Beobachtung evozierten Überlegungen – Zeichnungen, Textfragmente, Fotoserien, Videosequenzen und schließlich Objekte aus schwimmuntauglichem Mangrovenholz sowie aus Stoff und Bambus; bei letzteren wurden Gewicht, Dichte und Auftrieb so austariert, daß „Halbschwimmobjekte“ entstanden, die sich über dem Meeresboden bewegen konnten und Unterströmungen sichtbar machten.

Wir arbeiteten stets unter freiem Himmel und somit mehr und mehr unter öffentlicher Anteilnahme. Fischer und Anwohner, durchweg neugierig und interessiert, befragten und kommentierten unser Tun, ergänzten unser bruchstückhaftes Wissen über madegassische Mythen, versorgten uns – weil wir uns dafür interessierten – mit Musikkassetten von madegassischen Interpreten, berichteten aus ihrem Alltag, schafften ihrerseits Material und Fundstücke herbei, unterwiesen uns im Gebrauch landestypischer Werkzeuge und zeigten uns beispielsweise, wie sie aus einer Mischung von Bienenwachs und Terpentin Holzboote wasserfest hielten, was wir uns für unsere Objekte zunutze machten. Diese Art von „interkulturellem Austausch“ und Dialog – in der Regel auf französisch, vermittelt und angefacht durch künstlerische Praxis – war von uns beabsichtigt und ist Teil unseres Arbeitskonzeptes.

Die so entwickelten Objekte und Bilder installierten wir in wechselnden Raumordnungen als temporäre Installation vor dem Korallenriff einer weitläufigen Bucht an der Westküste von Nosy Bé in ca. 4 m Tiefe (etwa 15 km von der Distrikthauptstadt Helleville entfernt).

Der künstlerische Prozeß wurde durch unterschiedliche Medien und künstlerische Praxisformen festgehalten (Texte, Zeichnungen, kleine Objekte, Assemblagen, Materialsammlungen, Tonbandaufzeichnungen, Fotografie und Video), wie sie im „Madagaskar-Koffer“ exemplarisch enthalten sind.

Täglich bei Ebbe (damit die Unterwasserinstallation bei Flut um so tiefer liegt und der mögliche Bootsverkehr nicht behindert wird) den Schwimmschlitten beladen und zur Brandung wuchten. Unterwasserkameras schultern (zwei Fotoapparate und ein Videocamcorder), Flossen anziehen, Brille und Schnorchel aufsetzen, das Messer an die Wade schnallen. Jetzt die Brandung meistern und gut 500 m bis vor das Riff schwimmen. Einer zieht den Schlitten, der andere schiebt. Das dauert. Hier, bei Ebbe in ca. 3 m Tiefe, ist unser Arbeitplatz.

Arbeitsschritte

1. Objekttransport: Die 3 (ca. 3m hohen) Objekte aus Mangrovenholz vor das Riff transportieren und absenken.
2. Schwimmbilder einrollen und am Transportschlitten befestigen, danach die „Seeorgelpfeifen“ und die „Kunstkrake“ verladen sowie die „schlafende Machete“ befestigen.
3. Den beladenen Schwimmschlitten zu den Mangrovenholzobjekten vortreiben.
4. Die Schwimmbilder entrollen und an den Mangrovenholzobjekten befestigen (harte Taucharbeit). Der Auftrieb läßt die Stoffbahnen im Wasser „stehen“. Sie „zeigen“ die Auswirkungen der unsichtbaren Dünung: Sie wiegen sich wie von Geisterhand bewegt.
5. Die „Kunstkrake“ und die „Seeorgel“ im Objektdreieck (Schenkellänge ca. 15 m) auf dem Sandboden am Meeresgrund positionieren. Sie haben seegras- und sandgefüllte Stoffkörper und Holz- bzw. – Bambusköpfe. Der Sand hält sie am Boden, das Holz zieht nach oben und hält sie aufrecht.
(Insgesamt 3 Tage Installationsarbeit)

Abschied

Erste Besichtigung der Unterwasserinstallation bei Flut. Tief unten im Türkisgrün eine entrückte Welt. Die Flut macht die Ansicht fremd und fern. Voller Würde wiegen sich „Seeorgel“ und Bildbahnen. Die „Kunstkrake“ hat sich fortbewegt. Unmerklich zieht sie ihre Arme über den Sand, der große Kopf deutet mit leichter Neigung die Richtung an.

Wir sind ergriffen. Das, was wir sehen, hat Eigensinn und Eigenleben. Unseren Plan müssen wir fallen lassen. Zum Ende der Woche wollten wir unsere Installation wieder dem Meer entnehmen. Jetzt müssen wir uns eingestehen, daß wir zwar Urheber sind, jedoch die Rechte an unseren Hervorbringungen verloren haben. Wir müssen die Installation belassen.

Für den Rest der Zeit: tägliches Besucheschwimmen.

Tag der Abbreise: rauhe See. Ein letzter Besuch. Wir schwimmen in die Irre und finden die Unterwasserinstallation nicht. Die See hält sie verborgen. Ein vollendeter Abschied.

Madagaskar-Koffer

Ausstellungskonzept einer raumbezogenen multimedialen Installation

Der Madagaskarkoffer hat die Abmaße 45 x 30 x 17 cm. Wir haben ihn zu Beginn unserer Reise im Norden Madagaskars erworben und ihn nach und nach mit Fundstücken, Materialien, kleineren Gebrauchsobjekten angefüllt. Er enthält überdies Musikkassetten, Hefte und von uns in Auftrag gegebene Stempel aus Madagaskar. Desweiteren unsere Skizzenbücher, Reisenotizen, in Gedichten verarbeitete Eindrücke, eigene Übersetzungen von madegassischen Mythen aus dem Französischen, Foto- und Videodokumente sowie einen Film über unsere Arbeiten unter Wasser: Hinter einem Korallenriff vor der Insel Nosy Bé haben wir unser Unterwasserprojekt „Warten auf Zanahary“ realisiert.

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